25 März 2013

Gefühlswelten: Eifersucht


In einer bemerkenswerten Passage sieht Marcel, in den Anblick der tiefschlummernden Albertine versunken, ihren seidenen Kimono auf dem Fauteuil liegen. Er weiss, dass er in der Innentasche dieses Gewandes die Briefe finden wird, die ihm, wenn es sie tatsächlich gibt, helfen werden, eine endgültige Antwort auf seine qualvollen Zweifel und Fragen zu finden. Er nähert sich dem Kimono, doch im letzten Moment durchsucht er die Tasche nicht und verharrt somit in seinem nagenden Zweifel. Lieber will Marcel sich von der Eifersucht und dem brennenden Wunsch nach Gewissheit quälen lassen, als seiner Ungewissheit ein Ende setzen. Normalerweise liefert Proust uns umfangreiche Erklärungen und Einzelheiten zu den Gründen, warum seine Figuren etwas so Drastisches tun oder nicht tun, wie etwa ihrer Folter ein Ende bereiten, doch hier schweigt er. Wir erfahren nicht, warum Marcel seiner Seelennot kein Ende setzt. Der Kern proustscher Eifersucht ist etwas, das Lacan 'jouissance' nennt, das heisst, dass wir selbst in der Lust leiden, dass wir einen Preis für unser Begehren zahlen müssen. Eifersucht enthält diese doppelte Eigenschaft von Schmerz und Lust, weil sie ein Galgen ist, den wir selbst für uns errichten, wenn wir jemanden begehren. Eifersucht, als der brennende Wunsch zu 'wissen', ist nicht an der Wahrheit interessiert; sondern sie findet, vergleichbar mit dem Akt des Schreibens, Lust nur in der Einbildung. In der Eifersucht regiert die Fantasie über die Wirklichkeit. 
Die ruhelose Angst vor der Wahrheit erweist sich als das Gegenteil einer grotesken Machohaltung: Der Eifersüchtige ist derjenige, der nie jemanden besitzen kann. Im Gegenteil: Der Eifersüchtige ist derjenige, der sich der Undurchdringlichkeit und der radikalen Freiheit des anderen schmerzlich bewusst ist. Eifersüchtig sein heisst, sich qualvoll der Freiheit bewusst sein, die andere haben und die uns jederzeit ihrer Zuneigung und Liebe berauben kann. Der Eifersüchtige ist derjenige, der sich vor der Freiheit anderer ängstigt.
Eva Illouz, Eifersucht, in: Grosse Gefühle II, DAS MAGAZIN N° 12 


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