28 März 2013

Das Ende der Ideologien I


Eine wichtige Lernerfahrung nehmen wir jetzt mit in die nächste Epoche: Wer sich für eine bestimmte Idee begeistert, bekommt auch ein Hirn, mit dem er seiner Begeisterung für diese Idee besonders gut nachgehen, mit dem er diese Idee besonders gut verfolgen kann. 
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Die Welt, in der wir leben, verändert sich, wir selbst auch. Und weil das so ist, sind wir auch immer wieder gezwungen, die bisherigen Vorstellungen, die wir uns von der Welt und von uns selbst gemacht haben, an die jeweils neu entstandenen Gegebenheiten anzupassen. Allzu bereitwillig übernehmen wir dabei oft all jene Ideen, die uns hilfreich für die eigenen Lebensgestaltung erscheinen, jedenfalls dann, wenn sie zu all jenen Vorstellungen passen, mit deren Hilfe wir uns bisher einigermassen erfolgreich in der Welt zurechtgefunden haben. Aber das Loslassen einmal gewonnener Überzeugungen oder von anderen übernommener Vorstellungen fällt uns schwer. Vor allem dann, wenn wir damit bisher gut gefahren sind, wenn sie sich also als hilfreiche Orientierungen erwiesen haben. Ganz besonders aber dann, wenn es sich um Vorstellungen handelt, die wir mit vielen anderen oder mit für uns besonders wichtigen Menschen teilen. Unser Denken ist enger mit unserem Fühlen verbunden, als wir das bisher zuzugeben bereit waren. Und manchmal rennen wir leider auch hinter bestimmten Ideen her, die uns daran hindern, die Probleme zu lösen, die wir mit genau diesen Ideen erzeugt haben.
Die alte Vorstellung, wir seien in der Lage, mit Hilfe unseres Verstandes die Welt nach unseren Vorstellungen zu gestalten, hat sich als fataler Irrtum erwiesen. Ganz offensichtlich ist es uns kraft unserer Ideen und der daraus möglich gewordenen Abspaltung und Unterdrückung unserer Gefühle gelungen, die Welt nach unseren Vorstellungen zu verändern. Aber mit unseren Vorstellungen von einer 'besseren Welt' haben wir nicht nur recht viel bewegt, sondern auch viel zerstört. Was wir hätten bemerken können, weil es nicht zu unseren Vorstellungen passte, haben wir nicht oder erst viel zu spät bemerkt.
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Was sich für die Verfechter der vielen Ideen von einer besseren Welt inzwischen schneller als von ihnen erwartet bewahrheitet hat, steht uns mit unserer abendländischen Vorstellung von Weltverbesserung allerdings noch bevor: ein möglichst klagloser und wenig Aufsehen erregender Abschied vom Machbarkeitswahn.

Gerhard Hüther, Was wir sind und was wir sein könnten



Watch Home on Youtube. Einen heute nostalgisch überspitzt anmutenden Soundtrack dazu gibt es von Rainhard Fendrich, von 1982. 

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