04 Dezember 2012

À la recherche du temps perdu (Tales about Time IX)


"Zwischen Punkten klafft notwendig eine Leere, ein leeres Intervall, in dem sich nichts ereignet, keine Sensation stattfindet. Die mythische und die geschichtliche Zeit lassen dagegen keine Leere aufkommen, denn das Bild und die Linie haben kein Intervall. Sie bilden eine narrative Kontinuität. Nur Punkte lassen leere Zwischenräume entstehen. Die Intervalle, in denen nichts geschieht, verursachen Langeweile. Oder sie wirken bedrohlich, denn wo nichts geschieht, wo die Intentionalität auf nichts stösst, ist der Tod. So erzeugt die Punkt-Zeit den Zwang, die leeren Intervalle zu beseitigen oder zu verkürzen. Damit sie nicht lange weilen, wird versucht, die Sensationen schneller aufeinander folgen zu lassen. Es findet eine sich ins Hysterische steigernde Beschleunigung der Schnitt- oder Ereignisfolge statt, die auf alle Lebensbereiche übergreift. Aufgrund der fehlenden narrativen Spannung kann die atomisierte Zeit die Aufmerksamkeit nicht dauerhaft binden. So wird die Wahrnehmung immer mit Neuem oder mit Drastischem versorgt. Die Punkt-Zeit lässt kein kontemplatives Verweilen zu."
Byung-Chul Han, Duft der Zeit


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen