30 November 2012

Geschwindigkeit der Geschichte (Tales about Time VII)


"Die geschichtliche Welt beruht auf ganz anderen Voraussetzungen. Sie liegt nicht einfach wie ein fertiges Bild vor, das dem Betrachter eine unvergängliche Substanz, eine unveränderliche Ordnung offenbarte. Ereignisse sind nun nicht mehr auf einer stillstehenden Fläche, sondern auf einer fortlaufenden Linie angeordnet. Die Zeit, die Ereignisse verkettet und dadurch Bedeutungen freisetzt, verläuft linear. Nicht die ewige Wiederkehr des Selben, sondern die Möglichkeit der Veränderung macht die Zeit bedeutsam. Alles ist Prozess, der entweder Fortschritt oder Verfall bedeutet. Die geschichtliche Zeit setzt insofern eine Bedeutsamkeit frei, als sie gerichtet ist. Die Zeitlinie hat eine bestimmte Laufrichtung, eine Syntax. Die geschichtliche Zeit kennt keine dauernde Gegenwart. Die Dinge verharren nicht in einer unverrückbaren Ordnung. Die Zeit ist nicht zurückführend, sondern fortführend, nicht wiederholend, sondern einholend. Vergangenheit und Zukunft driften auseinander. Nicht ihre Selbigkeit, sondern ihre Differenz macht die Zeit bedeutsam, die eine Veränderung, ein Prozess, eine Entwicklung ist. Die Gegenwart hat in sich keine Substanz. Sie ist nur ein Übergangspunkt. Nichts ist. Alles wird. Alles verändert sich. Die Wiederholung des Selben weicht dem Ereignis. Bewegungen und Veränderungen stiften keine Unordnung, sondern eine andere oder neue Ordnung. Die temporale Bedeutsamkeit geht von der Zukunft aus. Diese Orientierung an der Zukunft erzeugt einen temporalen Sog nach vorne, der auch beschleunigend wirken kann." 
Byung-Chul Han, Duft der Zeit


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