07 April 2013

Glück, und was es nicht ist


Eine der aufschlussreichsten Langzeituntersuchungen zur Frage, was ein erfülltes Leben ausmacht (respektive was glückliche Menschen 'anders' machen), dürfte die Grant-Studie sein. Diese begleitete 268 ausgewählte Harvard-Absolventen ab Jahrgang 1910 über einem Zeitraum von 75 Jahren vom Studium bis zum Ruhestand, darunter so illustre Teilnehmer wie John F. Kennedy und, am anderen Ende der Skala, Unabomber Theodore Kaczynski. (Wie der statistisch unmögliche Zufall ausgerechnet diese beiden Männer in exakt dieselbe Studien-Auswahl würfelte, ist eine der seltsameren Geschichten, die das Leben bisweilen schreibt.)
Das Süddeutsche-Magazin führte kürzlich ein Zwischenbilanz-Gespräch mit dem Leiter der Studie, George E. Vaillant. Er, der die Teilnehmer mitunter als 'Hunderte von Karamasovs' bezeichnet - bezugnehmend auf den Umstand, dass die Erhebung aufgrund Bestandesaufnahmen in Echtzeit so tiefe Einblicke in ihre Schicksale gebe, wie dies sonst nur im Roman möglich sei - antwortet auf die Frage nach einer prägnanten Glücksdefinition mit einer vergleichsweise restriktiven Formel: "Glück ist, nicht immer alles gleich und sofort zu wollen, sondern sogar weniger zu wollen. Das heisst, seine Impulse zu kontrollieren und seinen Trieben nicht gleich nachzugeben. Die wahre Glückseligkeit liegt dann in der echten und tiefen Bindung mit anderen Menschen." Nahezu dieselbe Formulierung findet sich bei Gerald Hüther, welcher in einem kürzlich erschienenen (hier prominent angeführten) 'neurobiologischen Muntermacher' festhält: "Wer sich also weiterentwickeln will, müsste in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. Das ist das Geheimnis der Kunst des miteinander und aneinander wachsens." Das Glück des Menschen scheint demnach primär in seinen sozialen Eigenschaften zu liegen, nicht in seinen selbstbezogenen Bedürfnissen.
Befragt nach dem Zustandekommen von Unglück, nennt Vaillant eine Vielzahl möglicher Faktoren, von Suchtverhalten über Depressionen bis hin zu 'schlimmeren' Psychosen. Daneben gebe es jedoch drei Rezepte, die Unglück gleichsam garantieren würden: der Tod eines Kindes, der Tod des Ehepartners sowie eine falsche Wahl des Ehepartners. Etwa 25 Prozent der Teilnehmer hätten ein rundum gelungenes Leben geführt, seien von schweren seelischen und körperlichen Leiden verschont geblieben und konnten sich bis zum Lebensende eine optimistische Grundhaltung bewahren. Ihnen gegenüber stünde ein gutes Drittel, in deren Leben sich Leiden und Zufriedenheit die Waagschale gehalten hätten, und ein Sechstel sogenannter 'Traurig-Kranker', die permanent mit sich und der Welt haderten (in früheren Jahrhunderten hätte man diese womöglich als Melancholiker bezeichnet). Befragt danach, wie man mit Schicksalsschlägen, die in keinem Leben ausbleiben, am besten umginge, bringt es Vaillant auf folgende Rezeptur: "Stoizismus, Altruismus, Humor, partielle Verdrängung, gepaart mit Realitätssinn und der Fähigkeit, aus der Erfahrung für die Zukunft zu lernen". Dem stünden wiederum "Fantasie, Projektion, Ablehnung von Hilfe und passiv-aggressives Verhalten" gegenüber, wobei mit Fantasie gemeint ist, andere Menschen so zu sehen, wie man sie gerne hätte; nicht, wie sie sind. Und mit noch einer potentiellen Fehlwahrnehmung räumt er auf, indem er darauf hinweist, dass es sich beim 'kurzen Glück' um ein 'Geschwisterchen der Lust' handle, welches unglückshalber die Gefahr von Abhängigkeit in sich berge. Während es beim 'wahren Glück' um langfristiges Wohlbefinden ginge, und nicht um die Instantbefriedigung impulsiver Wünsche.
Interessant auch die Bemerkung, dass es naiv und unreif sei zu glauben, man könne sich im Verlauf eines Lebens völlig neu erfinden, insofern wir alle eine Mischung aus unseren Genen und unserer Sozialisierung seien. Was uns Gerald Hüther zufolge allerdings nicht davon abhalten sollte, uns periodisch von nachweislich überkommenen Ideen und Vorstellungen zu verabschieden; unser Hirn bleibt nicht ohne Grund lebenslang plastisch formbar. Nur braucht es eine ganze Menge, bis Menschen aus gewohnten Bahnen ausbrechen: sie müssen in der Regel etwas erleben oder erfahren, was ihnen im sprichwörtlichen Sinn 'unter die Haut geht'. Anders formuliert: Damit ein Mensch sich in die Lage versetzt sieht (und überhaupt den Mut findet), über einen Lebensverlauf hinweg angeeignete individuelle sowie kollektive kognitive Strukturen zu überwinden, müsste er das wiederentdecken, was ihn einst ausmachte, nämlich seine "Fähigkeit, die Welt mit den Augen des Kindes zu betrachten, das er ja selbst einmal war - so offen, so vorurteilsfrei und so neugierig, wie das noch immer als frühe Erfahrung in den damals herausgeformten und inzwischen 'nach unten abgesackten' und von anderen Erfahrungen überlagerten Schichten seines Gehirns verankert - und deshalb auch jederzeit wieder reaktivierbar - ist."


Spannende (Forschungs-)Aussichten also für alle Glücksuchenden. Ich bleibe am Thema.  


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