16 Mai 2016

Peaky Blinders, Vol. 2


Die Kamera fährt, vom prunkvollen Türbogenblick, gemächlich in einen golden erleuchteten Tanzsaal der 1920er Jahre. Im Zeitlupentakt richtet sie ihren Blick auf die verschwommene Masse der ausgelassen Tanzenden, allesamt gut Überlebende des Ersten Weltkrieges. Die sprichwörtliche 'Jeunesse dorée' feiert sich selbst. Man hört den von der schwarzen Combo exzessiv aufgespielten Jazz nicht, man sieht ihn nur - in den verkrümmten Bewegungen der Gesichtslosen. In ihren orgiastisch verzerrten, schwummrig glückseligkeitsheischenden Antlitzen. Und dann feuert das Maschinengeballer los, die Kamerafahrt beschleunigt sich, die Masse stöbt auseinander. Und alle Freude endet in einem ziemlich blutigen Mobintermezzo.  
Dies nur eine der starken Momentaufnahmen aus der zweiten Staffel der 'Peaky Blinders'. Es scheint, als hätte diese Ausnahmeserie noch mehr zu einem ganz eigenen Ausdruck, in ihrer gestalterischen Stilwilligkeit von Bild- und Tonkomposition, gefunden. Wie da Nick Cave, PJ Harvey und weitere Singer-/Songwriterkonsorten zum düster-industriell gehaltenen Ausstattungsambiente ihre reduzierten Töne raunen, hauchen, gröhlen, und wie die elektrische Gitarre schwurbelt, das Schlagzeug drischt, der Bass dröhnt: das hat schon, einmal mehr, ganz grosse BBC Klasse. In der abgemagert-hageren Gestalt von Cillian Murphy (in der poshen Figur des aufstrebenden Gangleaders Thomas Shelby) findet sich eine gesamte Zeiterzählung - von Not-, Elends- und Kriegserfahrung, aber auch von Ambition und Tempora-Reflexion - wieder. Die scharfen Wangenknochen scheinen dabei ein Eigenleben zu führen, als wollten sie sich, allein für sich benommen, tief ins TV-Narrationsgedächtnis einschürfen. Umspielt wird Murphy, nebst gut bestückten anderen, von den nicht minder einprägsamen Gestalten des Sam Neill (als zwielichtig-humpelnder Churchill-Protégé in Geheimdienstfunktion) und Tom Hardy (als vorgeblich-solider Bäckereiunternehmer, und tatsächlich gewaltätig(st)-unberechenbarer Schnapsbrenner). Körperlichkeit hat in dieser Serie Trumpf, in Mensch wie Ton. Zu sehen aktuell auf Netflix.


Etwas weniger rund gelungen nimmt sich dagegen die erste europäische Netflix-Eigenproduktion, unter der schlichten Namensformel 'Marseille', aus. Auch sie wird von einer wuchtigen Gestalt getrieben - derjenigen des monumental agierenden Gérard Depardieu. Wie er insbesondere seinen beachtlichen Bauchumfang durch die stetig gleitenden Kameragänge trägt, ist von selten gesehenem Gewicht. Im Mienenspiel spiegelt sich ein gutwillig-opportunistischer Geist wieder - einer, der es versteht, zu mauscheln und zu manipulieren, und sich doch so etwas wie einen Klein-Rest von menschlicher, wie politischer, Integrität wahrt. Ein moderner Windmühlenkämpfer par excellence. Nur schade, dass dieser doch ziemlich spannend angelegten Figur in der - leider ziemlich vorhersehbaren - Cliffhanger-Abschlussfolge etwas gar apologetische Weihezüge verliehen wurden. Auch fügen sich die durchaus eleganten Bilderbögen (noch) nicht zu einem stimmigen Ganzen mit den etwas gar abgehackt geratenen Erzählsträngen. Prädikat, dennoch: sehenswert, wenngleich nicht zu vergleichen mit anderen derzeit geläufigen, hochkarätigen Netflix-Kalibern wie 'Jessica Jones' und 'Daredevil' (das Warten auf die hiesige Ausstrahlung der vierten Staffel von 'House of Cards' zieht sich bekanntlich leidigerweise noch hin).


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