05 April 2015

Familienbande


Für diejenigen, die nicht zur Netflix-Kundschaft gehören, gibt es jetzt einen guten Grund, zumindest das einmonatige Probeabo zu lösen. Er nennt sich 'Bloodline', und ist die neueste Hausproduktion des Streamingdienstes, dessen Angebotspalette zumindest hierzulande noch nicht über alle Zweifel erhaben ist (ich warte gegenwärtig allein schon darauf, dass weitere, längst im Fernsehen abgespulte Staffeln von 'Person of Interest' und 'Elementary' aufgeschaltet werden, ganz zu schweigen von der dritten Auflage von 'House of Cards' - weshalb wir europäischen Netflix-Seher später in deren selbstproduzierten Genuss kommen als die amerikanischen, ist mir wirklich schleierhaft, TV-Verleihrechte hin oder her). Aber gut, es ist wie es ist. Und im Fall von 'Bloodline' ist, was ist, ausnehmend gut.
Die Serie nimmt uns auf einen abgründigen Seelentauchgang in das von aussen betrachtet nahezu perfekt scheinende Familienleben der Rayburns. Was sich unter strahlender Sonne dunkel zusammenbraut, als der bereits verloren geglaubte erstgeborene Sohn in den heimatlichen Familienschoss zurückkehren möchte, ist von exquisit gemächlicher Erzählkunst - man kommt nicht umhin, an 'La Piscine' aus dem Jahr 1970 zurückzudenken, so trügerisch ruhig vollzieht sich die Inszenierung, so zeitlupenartig gerät das Drama in Fahrt. Derartiges sind wir uns heute kaum mehr gewohnt, weshalb die Autoren zu Beginn auf einen simplen, aber effektiven Erzähltrick zurückgreifen, um unsere aktionslastigen Sehgewohnheiten zu unterlaufen: indem sie uns in einer Vorblende verraten, wie die Geschichte ausgehen wird, stellen sie sicher, dass wir als Zuschauer trotz sichtlich gedrosseltem Narrationstempo am Ball bleiben, weil wir uns fortwährend fragen (müssen), wie es zum prognostizierten Sturm-Ende kommen wird.
Als nicht minder geschickt erweist sich auch der psychologische Kunstgriff, uns den Antagonisten zu Beginn auf eine Weise nahe zu bringen, die fast schon zwingend an unser Mitgefühl appellieren muss. Das schwarze Schaf der Rayburns - Danny, ein charmant-gequälter Taugenichts - wickelt uns zunächst gekonnt um die manipulativ geübten Finger. Wir finden uns damit bald einmal in demselben Gewissensdilemma wieder wie der erzählende Hauptprotagonist - der zweitälteste Sohn John -, auf dessen rechtschaffenen Schultern sinnbildlich die Kollektivschuld der Familie lastet; begründet im Wissen (und Schweigen) darum, was Danny in seiner Jugend vom despotischen Cholerikervater widerfahren ist. Der Vater möchte denn auch den bequemen Sündenbock nicht zurück im Paradies des Familienunternehmens willkommen heissen - einem gefälligen, aber zeitverlorenen Privathotel irgendwo inmitten der verschlafen gezeichneten Florida Keys -, im Gegensatz zur Mutter, die in steter Rückblende auf das damalige Geschehen bussfertig um Sühne ringt. Die Restgeschwister, ein jedes mit sich und mit Danny im Konflikt, sind sich ebenfalls uneins, und sie alle haben gute Gründe für ihre bisweilen schwankende Haltung, welche kontinuierlich um die Frage kreist, ob Menschen sich ändern können. Die Serienhandlung gibt darauf zuletzt eine schnörkellose Antwort: erlittenes Unrecht spricht nicht von Verantwortung frei, wenn sich aus Bösem Böses fortpflanzt. Menschen können sich nur aus eigenem Impuls ändern, im Zweifelsfall kann niemand vor sich selbst gerettet werden, und wenn man es in guter Hoffnung dennoch versucht, gerät man mitunter in den Abwärtsstrudel eines anderen. 
Einmal mehr liesse sich darauf verweisen, wie ausserordentlich umsichtig das Schauspielensemble bis in die äussersten Nebenfiguren besetzt ist. Aber ich lasse für einmal das Namedropping und jede Einzelwürdigung, denn hier geht es tatsächlich um eine Gemeinschaftsskizze - wenngleich der Einzelne darin immer auf sich selbst zurückgeworfen bleibt. 


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