12 November 2012

Time // Memory (Versuch einer Bilanz)


In den rahmenden Paratexten zu 'Die Kunst des Lesens', einer persönlichen Liebeserklärung an ausgewählte Meistererzählungen der europäischen Literatur, spürt der passionierte Vielleser Vladimir Nabokov der elementaren Frage nach, was denn eigentlich gutes Lesen und gutes Schreiben ausmache. Neben einer reflektierenden Darlegung der eigenen Lese(r)biographie findet sich in einem programmatischen Essay zur Lesekunst schliesslich folgendes exegetisch anmutende Aperçu: "Literatur ist immer Erfindung. Alles Erdichtete ist etwas Erdachtes. Wer eine Geschichte 'wahr' nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich." (Vladimir Nabokov, Gut lesen und gut schreiben)


Zweifellos war Nabokov mit dieser Aussage daran gelegen, die Einzigartigkeit des Fiktiven gegen eine vorschnelle (faktische) Verallgemeinerung durch den Lesenden zu verteidigen; insbesondere wollte er uns "immer daran denken" lassen, "dass mit jedem Kunstwerk, ausnahmslos, eine neue Welt erschaffen wird", welche wir "stets als erstes so gründlich wie möglich erforschen, uns ihr als etwas völlig Neuem" nähern sollten, "als einer Sache, die keine offensichtliche Verbindung mit den uns bekannten Welten hat." Erst nach einer derart gründlichen Erforschung dieser neuen Welt, "und keinesfalls früher", sei es uns freigestellt, ihre Beziehungen zu anderen Welten zu erkunden, denn: "Wer mit einer fertigen Verallgemeinerung an ein Buch herangeht, beginnt am falschen Ende und bewegt sich von ihm fort, bevor er angefangen hat, es zu verstehen." Wer liest (so Nabokov), sollte folglich vor allem "liebevoll auf Einzelheiten achten".



Vielleicht verhält es sich nun mit den alltäglichen Geschichten, die wir uns erinnernd über uns selbst erzählen, ebenso wie mit fiktiven Erzählungen. Zumindest legt Max Frisch uns eine solche Sichtweise nahe, wenn er uns in 'Mein Name sei Gantenbein' einen Mann vorstellig macht, der eine Erfahrung gemacht hat, und sich daraufhin auf die Suche nach der Geschichte seiner Erfahrung begibt. Dergestalt lege sich jedermann früher oder später jene Geschichte zurecht, die er für sein Leben halte – oder, im Zweifelsfall, "eine ganze Reihe von Geschichten", ja, probiere Geschichten aus wie Kleider. Allein die (nackte) Wahrheit könne nicht erzählt werden, erwiesen sich am Ende doch alle Erzählungen als konstruiert, als "Spiele der Einbildung, Entwürfe der Erfahrung, Bilder, wahr nur als Bilder." Jeder Mensch, nicht nur der Dichter (so Frisch), erfindet folglich seine Geschichte(n), nur dass er sie, im Gegensatz zum Dichter, buchstäblich für sein Leben hält – anders bekämen wir "unsere Erlebnismuster, unsere Ich-Erfahrung" nicht zu Gesicht. (Max Frisch, Unsere Gier nach Geschichten) Passend hierzu hält sich Frischs Bonmot, dass die Zeit [als massgebliche Konstante jeder Erzählung] uns nicht etwa verwandle, sondern uns lediglich entfalte – nicht zuletzt im Rahmen unserer Erinnerungsgeschichte(n).




Man könnte sich an dieser Stelle fragen, ob nicht womöglich eine der bemerkenswertesten Freiheiten des Mensch-Seins überhaupt darin liegt, uns die "verrinnende Zeit" nicht als etwas erscheinen zu lassen, das uns verbraucht und zerstört "wie die Handvoll Sand", sondern als etwas, das uns vollendet (Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste), und zwar mittels solcher selbstgestrickten Erinnerungskonstrukte. Was sollte uns im Grunde auch davon abhalten, unsere Geschichte(n) kontinuierlich neu zu entwerfen, sie abzulegen wie Kleider, wenn sie uns in ihren Einzelheiten partout nicht mehr passen wollen. Ist es uns denn nicht fabelhafterweise überlassen, uns ihrer zu entledigen, wenn sie irgendwann zu klein, zu gross, zu eng, zu weit, zu grau, zu bunt, zu stickig, zu luftig oder schlicht zu nichtig (er)scheinen? 

Streichen wir folglich Überkommenes leichterhand aus unserem Requisitenkoffer. Werden wir zu selbstbestimmten Erzählern unserer Selbst.

Ausstellung: «Mensch ist Mensch» – Der Mensch Max Frisch, Max Frisch-Archiv Zürich
  


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